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Die Linde als Heilpflanze

die Linde als Heilpflanze

Kräutersegen

Die Bedeutung

unserer vorzüglichen heimischen

Heilkräuter

In Sitte, Sage, Geschichte und Volksglauben; ihr wirtschaftlicher und industrieller Nutzen und ihre praktische Verwendung als

Hausmittel.

Für die Jugend, das Volk und deren Freunde zur Belebung einer religiös- sinnigen Naturanschauung.
gesammelt und herausgegeben
von E.M. Zimmerer
Mit 56 Pflanzentafeln in Chromodruck
Donauwöth 1896
Druck und Verlag der Buchhandlung L. Auer

Die Linde

Sei mir gegrüßt, o Lindenbaum
Wie glücklich du vor allen
Du blühst, wenn längst jedwedem Baum
Die Blätter sind entfallen!
Wenn glühend brennt der Sonne Strahl
Und schon die Früchte schwellen,
Da spendest du ins weite Thal
Der Düfte reiche Wellen...

So jubeln wir der Linde mit dem Dichter "Willkommen" zu. Was ist es nur, das uns dieselbe so teuer und wert macht? Ist es die Weichheit und Anmut ihrer Gestalt? Das milde Grün der herzförmigen Blätter? Das dichte Laubgezelt ihrer Krone, das uns im Sommer blühenden Schatten spendet? Oder ihre bescheidene, aber so süß duftende Blütendolden, welche die Luft erfüllen und tausende von summenden und schwirrenden Gästen herbeilocken?
  Nein, es ist nicht das eine oder andere, sondern "alles allzumal" im ganzen einschmeichelnden, weichen, anschmiegsamen und innigen Charakter der Linde, deren Name schon wie eine sanfte Musik dem Ohre klingt.
 Eng ist Sie mit dem deutschen Volksleben verwachsen und vertraut mit seinem ganzen Fühlen und Denken; denn kein anderer Baum entspricht durch sein Wesen unserm eigenen Innersten so sehr und tritt dadurch unserm Herzen so nahe wie Sie: weder die herrliche, ehrfurchtgebietende Eiche, noch der gemütliche, freundliche Apfelbaum, obwohl er von jeher zu den von uns bevorzugten Lieblingen gehörte!
 Unsere Vorfahren hatten die Linde der Frigga, der Göttin des häuslichen Glückes und der Liebe, geweiht und pflanzten Sie daher auch in die Nähe ihrer Behausungen, die dieser "heilige" Baum vor Blitz und anderen Schäden schützte. Wunderbar war die Kraft, welche zum Segen der Unglücklichen und Leidenden von ihm ausströmte: Krankheit und Gebrechen hielt er ferne oder heilte sie; Zauberei und Verhexungen machte er schadlos und vertrieb dieselben; selbst gegen böse Geister wusste er zu schützen, und wenn man Lindenasche auf die Felder streute, so vertrieb sie das Ungeziefer, das hingezaubert worden war; Lindenblätter mussten den Kopfschmerz heben; Lindensprossen, dem Kinde im ersten Brei gegeben, schützten es für immer vor Zahnschmerz, und Lindenbast, um die Brust gebunden, behütete vor Hexen und Zauber.
 Indessen hat die Linde in Deutschland niemals Wälder gebildet, wie es in Russland der Fall ist. Aber auch nach der heidnischen Zeit, das ganze Mittelalter hindurch, wurde Sie in Burg- und Stadtfrieden, vor Gotteshäusern und auf Friedhöfen als der am häufigste angepflanzte und vom Menschen gerne in seiner Nähe versetze Waldbaum angetroffen.
 Aus jener Zeit stammen daher die in vielen Dörfern namentlich auch Schwabens, noch stehenden so genannten "Dorflinden", unter denen sich die Ältesten der Gemeinde zur Beratung Ihrer Angelegenheiten, das junge Volk aber zu Scherz und Spiel versammelten. Ebenso tagten auch die Fern- und Volksgerichte unter den Linden, und da mag ja so ein viele hundert Jahre alter Baum manche Urteile über Leben und Tod mit angehört und über die Kurzsichtigkeit, Bosheit und Ungerechtigkeit des Menschen gestutzt haben! Heute noch ist ihr Standort der Tummelplatz der lieben Schuljugend und der Mittelpunkt der Dorffeste, aber ihre andere ernstere Bestimmung haben diese Bäume verloren. Die Linde wird uralt. Zu Neustadt am Kocher in Württemberg steht eine solche, die schon in Jahre 1558 vom Herzog Christoph durch 100 steinerne Säulen gestützt wurde. Ihr Stamm allein hat 32 Fuß Umfang, und als einstmals ein Ast abbrach, gab dieser sieben Klafter Holz. Auch in Bayern und anderen deutschen Ländern sind ähnliche Wiesenbäume zu treffen; so im Hofe der alten Burg zu Nürnberg.
 Viele deutsche Ortsnamen verdanken der Linde ihr Entstehen oder sind mit derselben wenigstens auf irgendeine Weise verbunden; ebenso auch adlige Geschlechter, Sitze und Wappen.
 Auch manche Sagen umschweben das duftende Haupt unseres Baumes mit ihrem alten und doch immer neuen Zauber; so die Sage vom "gehörnten Siegfried", der den unter einer Linde hausenden Drachen erlegt, sich in dessen Blute badet, um unverwundbar zu werden. Durch ein vom Baume nieder gewehtes Lindenblatt auf der Schulter aber eine Stelle behält, welche das Blut des Wurmes nicht berührt, was in der Folge für den herrlichen Helden so verhängnisvoll wird, weil ihn da der treulose Hagen am "Brunnen, von der Linde beschattet", mit seinem Speere tödlich verwundet.
 Die Linde, von der wir in unseren Gegenden hauptsächlich zwei Arten, die Sommer- und Winterlinde, haben, ist der am spätesten blühende Baum. Sie öffnet ihre honigreichen, fein- und mild duftenden kleinen Doldentrauben erst im Juni und Juli. Besonders merkwürdig werden ihre Blüten durch das sie begleitende längliche, schmale, gelbgrüne Deckblatt, aus dem der Blumenstiel herauszuwachsen scheint.
 Alle Teile der Linde werden benützt. Das weiche, zähe, dichte und leichte Holz gibt Schnitzarbeiten und liefert eine ausgezeichnete Kohle zum Zeichnen und zur Bereitung des Schießpulvers. Der Bast gibt Stricke und Matten. Man gewinnt ihn durch einweichen der Rinde in Wasser, bis er sich leicht abziehen lässt. Um zum Binden der Blumen gebraucht werden zu können, muss man denselben aber gut auswaschen. Aus dem Samen wird ein feines, jenem der Mandel ähnliches Öl bereitet.
 Blüten, Blätter,Rinde, Saft und Lindenkohle sind außerdem geschätzte und wertvolle Heilmittel.

Anwendungen

Die Blüten enthalten hauptsächlich Gummi, Zucker und eisengrünenden Gerbstoff und wirken schweißtreibend, krampfstillend und leicht reizend. Wer dieses Resultat erzielen will, der entferne die Deckblätter, die adstringierende Eigenschaften haben.

1. Der Lindenblütentee wird bei Verdauungsstörungen, Unterleibsschmerzen, Erbrechen, bei Magenkrämpfen und Migräne angewendet; ferner auch bei Husten, Nierenverschleimungen und Fieberfrösten.

2. Lindenblütentee, mit ein wenig Honig versüßt, täglich zum Frühstück mit Milch genommem, ist äußerst blutreinigend.

3. Blätter, Rinde und Saft geben im Absude eine breiartige, schleimige Masse, welche auf Geschwüre, Aufschürfungen und Wunden, namentlich auch Brandwunden, gelegt, äußerst heilsame Resultate erzielt.

4. Das Lindenholz gibt die beste, in der Apotheke verwendete Holzkohle. Aber auch als Hausmittel ist sie zu gebrauchen, und zwar, wie Pfarrer Kneipp schreibt, nach Krankheiten, in denen die Verdauungsorgane schwer gelitten haben. Die tägliche Dosis beträgt 1 mittleren Esslöffel voll, den man auf die Nahrung gestreut, oder in Milch mit etwas Zucker nimmt.
 Schwächliche, Schwindsüchtige, auszehrende Personen, die hauptsächlich auch durch nächtliche Schweiße geschwächt werden, sollen ebenfalls täglich 2 Löffel Kohlenstaub in Milch gebrauchen.
 Zu Leberkrankheiten ist seine Wirkung besonders günstig.
 Auch auf eiternde Geschwüre, täglich 1-2 mal gestreut, wirkt der Kohlenstaub trocknend und die neue Hautbildung befördernd(Kneipp).

5. Er gibt ebenfalls das beste Zahnpulver, besonders wenn man ihm fein pulverisierten Salbei beimischt. Die Lindenblüten werden im Juli und August gesammelt und getrocknet und sodann in Dosen und Büchsen verwahrt.

 Die Rinde kann man das ganze Jahr abschälen, vorzüglich aber im Mai, um den Saft zu gewinnen. Die Blätter werden im frischen Zustand benützt.
 Die Lindenkohle bereitet man selbst oder aber kauft sie in der Apotheke. Auf alle Fälle muss sie sehr fein gepulvert werden, auch ist zu bemerken, dass sie, je frischer, desto besser ist.

 Was gibt es schöneres, als eine das heimatliche Dach beschattende Linde, in deren Zweigen zur Sommerzeit die lieben Vöglein ihre Wohnung aufschlagen und die nimmermüden Bienen den süßen Nektar sammeln? Ist es nicht eine immer neue Aufforderung zu Häuslichkeit und Fleiß, den bleibenden Pfeilern des Familienglückes? Darum können wir die Linde, den Baum des Friedens und der deutschen Sitte, auch nicht verlassen, ohne mit dem Dichter eine berechtigte Klage und Bitte auszusprechen; denn

Noch ragt die Linde zwar
In Deutschlands Süd' und Norden
Doch ihrer Schwestern Schar
Wie ist sie klein geworden!...
Und wie man sie beschnitten
So schwanden aus dem Land
Auch uns're alten Sitten!...

Schau ich dich, Linde an,
Du Baum aus alten Tagen,
Dann bricht mein Lieb sich Bahn
Im Zorn und Schmerz und Klagen.
Ich möcht' von Strand zu Strand
Der Linde Preis verkünden
Und singen rings im Laub
O pflanzet wieder Linden!
 
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